Wir haben verlernt, im Leid zu bleiben.
Unsere Zeit ist darauf ausgerichtet, Schmerz schnell zu beheben, zu erklären oder zu umgehen. Leid gilt als Störung, als etwas, das möglichst rasch verschwinden soll. Doch genau dadurch verlieren wir eine Fähigkeit, die zutiefst menschlich – und zutiefst geistlich – ist: Resilienz.
Ein Blick auf das Leben von Jesus Christus zeigt uns eine andere Haltung.
Jesus wich dem Leid nicht aus.
Er beschleunigte es nicht.
Er überging es nicht.
Er blieb.
Im Garten Gethsemane bleibt Jesus bei seiner Angst. Er betäubt sie nicht, er flieht nicht vor ihr. Er ringt im Gebet, lässt die Last zu, spricht aus, was ihn innerlich zerreißt. Resilienz zeigt sich hier als Fähigkeit, die eigene Not auszuhalten, ohne den Halt an Gott zu verlieren.
Auf dem Weg zum Kreuz trägt Jesus eine Last, die ihn zu Boden zwingt. Er fällt. Und er steht wieder auf. Resilienz bedeutet hier nicht, unerschütterlich zu sein, sondern trotz Schwäche weiterzugehen. Jesus zeigt: Fallen gehört zum Weg. Entscheidend ist nicht das Fallen, sondern das Dableiben.
Er lässt zu, dass ein anderer ein Stück mitträgt. Auch das haben wir verlernt. Wir wollen stark sein, unabhängig, souverän. Doch Jesus macht deutlich: Mittragen ist keine Schwäche, sondern Teil von echter Standhaftigkeit.
Vor Pilatus schweigt Jesus. Er rechtfertigt sich nicht. Er kämpft nicht um sein Image. Seine Resilienz liegt darin, sich nicht von Ungerechtigkeit definieren zu lassen. Er bleibt innerlich frei, obwohl er äußerlich ausgeliefert ist.
Am Kreuz schließlich erreicht diese Resilienz ihren tiefsten Punkt. Jesus leidet – körperlich, seelisch, geistlich. Und dennoch bleibt er zugewandt. Er vergibt. Er sorgt. Er vertraut sich Gott an, selbst dort, wo er sich verlassen fühlt. Das ist Ausharren in seiner radikalsten Form: nicht zu verhärten, nicht zu verbittern, nicht aufzuhören zu lieben.
Wir haben verlernt, im Leid zu bleiben.
Jesus hat es uns vorgelebt.
Resilienz im Sinne Christi heißt:
- Leid nicht sofort lösen zu müssen
- beim Schmerz nicht wegzusehen
- Lasten gemeinsam zu tragen
- auszuharren, ohne die Hoffnung loszulassen
Vielleicht ist das die Einladung an uns heute:
Resilienz neu zu lernen.
Nicht als Technik.
Sondern als Haltung.
Eine Haltung, die sagt:
Ich bleibe.
Ich trage mit.
Ich halte aus.
So, wie Jesus es getan hat.
