Den Blick nicht abwenden

Im Gebet habe ich gestern Worte von Jesus empfangen, die mich tief berührt haben:
„Wende deinen Blick nicht von mir ab.“

Diese Worte haben etwas in mir ausgelöst. Denn der Mensch neigt dazu, den Blick abzuwenden – besonders dann, wenn Leid schwer auszuhalten ist. Auch das Leid, das Jesus am Kreuz getragen hat, möchten wir oft nicht sehen. Zu groß ist der Schmerz, zu schwer die Realität dessen, was er ertragen musste. Die Schuld der Welt lag auf ihm, obwohl er unschuldig war. Ein Mensch – und doch ohne Schuld.

Wenn ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie wichtig es ist, diese Realität nicht auszublenden:
Die Welt ist korrupt, ungerecht und oft hart. Und genau das zeigt sich auch heute – tagtäglich. Wir alle stehen in diesem Kampf. Ungerechtigkeit begegnet uns nicht nur in großen weltpolitischen Themen, sondern auch ganz konkret im Alltag, in zwischenmenschlichem Verhalten, in Situationen, die unfair sind und verletzen.

Die eigentliche Herausforderung liegt darin, sich selbst treu zu bleiben, nicht mitzuspielen, nicht mitzugehen – nur um gut behandelt zu werden oder dazuzugehören. Ehrlich zu bleiben, aufrecht zu bleiben, auch wenn es etwas kostet.
Und dann stellt sich eine unbequeme Frage:
Wäre ich bereit, Ungerechtigkeit zu ertragen – sogar zu leiden – um mir selbst, meiner Wahrheit und meinem Glauben treu zu bleiben?

Auch in der Corona-Zeit wurde deutlich sichtbar, wer mitgeht und wer nicht. Wer sich anpasst – und wer stehen bleibt. Und ich glaube, dass noch weitere solche Momente kommen werden. Momente, in denen sich zeigt, wer mit dem Strom schwimmt und wer bewusst einen anderen Weg wählt.

Vielleicht ist genau das gemeint, wenn Jesus sagt:
„Wende deinen Blick nicht von mir ab.“
Nicht wegsehen. Nicht ausweichen. Sondern hinschauen, aushalten – und treu bleiben.